Zystennieren

Gezielte genetische Diagnostik in der Nephrologie

Zystennieren zählen mit weltweit mehr als 10–15 Millionen Patienten zu den häufigsten Erbkrankheiten. Die wichtigsten Formen umfassen die polyzystischen Nierenerkrankungen (PKD, vom Engl. Polycystic Kidney Disease), die sehr häufige autosomal-dominante Form ADPKD (mit 60-80.000 Betroffenen in Deutschland) und die seltenere autosomal-rezessiv erbliche ARPKD.

Zur diagnostischen Abklärung von Zystennieren, wie auch der ADPKD wird als erster Schritt eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes empfohlen. Die rein klinische Abgrenzung der verschiedenen Entitäten voneinander kann im Einzelfall jedoch schwierig bzw. unmöglich sein. Neben Informationen zur Familiengeschichte, Klinik und weiteren Symptomen kommt daher dem frühen Einsatz genetischer Diagnostik zunehmende Bedeutung zu.

In ca. 80 % der Fälle liegen der ADPKD Mutationen im PKD1-Gen zugrunde. Durch seine Größe und Komplexität (mit mehreren homologen Pseudogenen) ist das Gen mit konventionellen Sequenziermethoden nur mit großem Aufwand zu untersuchen. Zudem ist eine Einzelgen-Analyse oft nicht ausreichend, da eine Reihe anderer Gene und Differenzialdiagnosen in Frage kommen und untersucht werden sollten. Moderne Hochdurchsatzverfahren (Next Generation Sequencing, NGS) ermöglichen eine kosteneffiziente Analytik aller in Frage kommenden Gene. Gerade bei der ADPKD ist jedoch darauf zu achten, eine gezielte, auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse speziell entwickelte NGS-Panelanalyse (targeted NGS, Multi-Gen-Panel) durchzuführen. Eine unselektierte Untersuchung des gesamten Exoms (WES, vom Engl. Whole Exome Sequencing) ist nicht zielführend, da diese Lücken aufweist und zu fehlerhaften Ergebnissen führt. Die Vielzahl verschiedener Mutationen und das Fehlen klassischer ‚Hot Spots‘ erfordern eine hohe Expertise bei der Durchführung der genetischen Analyse und Befundinterpretation.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Zystische Nierenerkrankungen sind fast immer durch genetische Diagnostik ätiologisch zu klären. Eine Panel-Diagnostik ist dabei sinnvoll und kosteneffizient.
  • Diagnostische genetische Untersuchungen bei Patienten mit klinischen Symptomen können von jedem betreuenden Arzt veranlasst werden.
  • Humangenetische Leistungen sind Bestandteil des Kapitels 11 EBM. Aus diesem Grund haben humangenetische Leistungen keinen Einfluss auf den im Kapitel 32 EBM verankerten Wirtschaftlichkeitsbonus.
  • Die Identifikation des betroffenen Gens ermöglicht das Screening und Monitoring hinsichtlich zu erwartender Komorbiditäten organübergreifender Komplikationen, welche sich je nach Entität deutlich unterscheiden.
  • Eine gezielte genetische Beratung mit Angabe von Risiken ist nur mit Kenntnis des Genotyps möglich.
  • Das Wissen um die genaue Mutation ist bedeutsam für die Art der Betreuung und Therapie.
  • Für Patienten mit ADPKD gehört die genetische Diagnostik mit zur zeitgemäßen Therapieevaluation für Tolvaptan.
Ultraschallaufnahme einer Zystenniere bei einem ADPKD-Patienten

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